Alle wollen es, wenige bezahlen

Alle wollen Medienvielfalt. Wen ich auch frage, Medienvielfalt wird gewünscht, gefordert, für die Demokratie als wichtig bezeichnet und bisweilen als dringend erachtet. Kaum jemand nutzt mehr als zwei Medien, doch besteht Einigkeit, wie sehr es eine Vielzahl von Medien braucht, die inhaltlich unabhängig sind. Doch viel zu wenige wollen die Medienvielfacht bezahlen.

So ziemlich alle wollen verlässliche, gut recherchierte Informationen in Echtzeit. Das widerspricht sich zwar, da Schnelligkeit und Qualität selten vereinbar sind, doch die grossen Medienhäuser versuchen es trotzdem — mit gemischtem Erfolg. Aber immerhin, die Informationen sind erhältlich, wir sind rund um die Uhr versorgt. Doch Qualität im Journalismus bedeutet, Informationen zu hinterfragen, Fake von Echtem zu unterscheiden, Fehlendes zu ergänzen, Zusammenhänge zu ergründen und Menschen zu Wort kommen zu lassen. Das braucht Zeit, damit mehr als süffige Schlagzeilen entstehen. Doch viel zu wenige wollen die Qualität bezahlen.

Viele möchten besonders digitale Medien ohne die als lästig empfundene Werbung konsumieren. Den Ausfall, der dies verursacht, wollen nur wenige bezahlen.

Obwohl alle Untersuchungen zum selben Schluss kommen, dass nämlich gedruckte Werbung deutlich besser wahrgenommen wird als elektronische, nehmen die Werbeinnahmen in den gedruckten Medien stetig ab. Es sei zu teuer, ist die schlecht begründete Behauptung von Anzeigenkunden.

So kommt es, dass alle Medienvielfalt wollen, aber vor allem die regionalen Titel trotzdem am Existenzrand laufen. Wollen wir unabhängige Medien wie den Anzeiger Region Bern, das Online-Medium ‹Hauptstadt›, die Plattform J und schweizweit weitere Regionalmedien aufrechterhalten, wollen wir zusätzlich zu wichtigen Titeln wie Berner Zeitung, Bund, NZZ und den anderen überregionalen Titeln eine lebendige Medienvielfalt, so muss uns das etwas wert sein. Dann müssen wir das bezahlen. Es ist wie mit dem Essen: Gesunde, nachhaltig produzierte Nahrungsmittel haben ihren Preis. Wer erwartet, dass Essen einfach nur billig sein muss, erhält entsprechende Qualität. Auch Medienvielfalt gibt es nicht gratis.

Was Google anbietet, ist nicht Medienvielfalt, sondern eine Zusammenstellung, was Medienhersteller leisten. Das ist für die Nutzerinnen und Nutzer zwar bequem, aber etwa so fein und nachhaltig, wie Billigtomaten an Weihnachten. Google leistet selbst nichts, ausser der Aushöhlung derjenigen, die Informationen tatsächlich erarbeiten, erforschen, zusammensuchen, beurteilen und für uns aufbereiten.

So wie gesunde Nahrung für unseren Körper wichtig ist, ist Qualitätsjournalismus und Medienvielfalt wichtig für unsere Demokratie und die Gesellschaft insgesamt.

Was ist das Ihnen wert? Mehr als gratis?

Erstmals erschienen in Anzeiger Region Bern, 17.09.2024

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Zu meinen Interessen: Diese Kolumne ist mit den Herausgebern des Anzeiger Region Bern nicht abgesprochen. Sie beinhaltet meine persönliche Meinung und drückt die Sorge für die aktuelle Situation der Medien aus, die auch in meiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied des Vereins für Berner Medienvielfalt, der die ‹Hauptstadt› herausgibt, gründet.

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Heimat ist nicht selbstverständlich

Heimat bedeutet für viele die Gegend, in denen sie aufgewachsen sind und die ihnen vertraut ist. Meine Heimat wäre demnach die Region Bern, in der sich mindestens 15 Generationen unserer Familie zurückverfolgen lassen. Durch das Heranwachsen unserer Kinder wuchs in mir allerdings die Überzeugung, dass meine Heimat nicht ein geografischer Ort, sondern vor allem meine Familie ist, oder weiter gefasst, die Menschen, mit denen ich mich eng verbunden fühle. Würden sie wegziehen, ich fühlte mich hier heimatlos.

Heimat bedeutet Vertrauen. Einerseits Vertrauen in Menschen, die meine Werte teilen, die mich akzeptieren, wie ich bin, und mir Rückendeckung geben. Menschen, auf die ich zählen und mit denen ich lachen und weinen kann. Andererseits das Vertrauen in das politische System, das die demokratischen Rechte, die Gewaltenteilung und meine Identität schützt. Ein Staat, in dem Willkür und Korruption keinen Platz haben, in dem die Schwachen geschützt und Minderheiten Gehör finden. Sicher, bei diesen Themen haben wir teilweise Luft nach oben; wir müssen uns entwickeln und uns für diese Entwicklung engagieren. Und doch sind wir im internationalen Vergleich ausgesprochen gut unterwegs. Das andere Extrem ist mir eine Warnung: Die Schweiz als Diktatur wäre nicht mehr meine Heimat. Wo Mächtige den Menschen ihre Würde nehmen und grundsätzliche Rechte fehlen, werden die Menschen ihrer Heimat beraubt. Schon nur deshalb gilt es Sorge zu unserer Demokratie zu tragen; wir haben alle die Möglichkeit und Pflicht, dies zu tun. 

Heimat hat auch mit Vertrautheit zu tun. Vertrautheit bedeutet, dass ich darauf zählen kann, was wo ist, dass die Dinge ‹einfach› funktionieren. Rechtssicherheit gehört dazu, funktionierende Behörden oder ebenso ein Gesundheitswesen, von dem ich weiss, darauf zählen zu können. Wichtig ist die Vertrautheit mit der Umgebung, in der ich lebe. Darin liegt der Grund, dass viele heftig reagieren, wenn der Alltag sich verändert, wenn ein Baum gefällt, eine Wiese überbaut oder ein Ladengeschäft geschlossen wird. Vertrautheit ist auch die Selbstverständlichkeit, die Sprache zu verstehen, die um mich herum gesprochen wird. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die aus anderen Sprachregionen zu uns kommen, rasch die Amtssprache lernen und sich breit verständigen können. Dabei müssen sie ihre Heimatsprache nicht verleugnen.

Vertrauen muss immer wieder bestätigt werden, im Alltäglichen, im Handeln der Politik und im Zusammensein mit Menschen. Vertrautes, soll es nicht nutzlos werden, muss sich wandeln, ohne den uns wichtigen Kern zu verlieren.

Der mir wichtige Kern meiner Heimat liegt in den Werten. Da, wo ich diese Werte leben kann und wo sie mich schützen, bin ich zuhause. Das sind meine Familie und Gleichgesinnte und die Schweiz. Dass das so ist, dass ich nicht flüchten muss, mich in Sicherheit fühlen und in einer vertrauten Umgebung leben darf, ist Teil meines Lebensglücks, das Millionen von Menschen, auch Menschen in der Schweiz, nicht vergönnt ist.

 

Dieser Text erschien als Kolumne erstmals im Anzeiger Region Bern, 14.08.2024

 

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Natur ist, was uns passt

Die nachdenklich stimmende Kolumne von Regula Rytz (6.6.24) über die Störche in Bern hat in mir erneut einen Gedanken angestossen, der mich seit langem nicht loslässt. Vor einiger Zeit habe ich in einer sda-Mitteilung gelesen: «Mit Geschäftsideen, die der Natur erste Priorität einräumen, könnten Geschäfte im Wert von gut zehn Billionen Dollar realisiert werden.» Eindrücklich! Was aber heisst Natur und was erste Priorität? Natur ist ein mehrdeutiger Begriff und unser Umgang mit ihr widersprüchlich.

«Leben im Einklang mit der Natur» ist erstrebenswert; schränkt es mich ein, ist es mit der ersten Priorität vorbei. Die Natur kann gefährlich sein, das wussten unsere Vorfahren. Barcelona, Lima, Tokio und andere Städte wurden nicht unmittelbar ans Meer gebaut oder dann an eine Bucht, die vor Fluten und Winden schützt. Heute verdrängen wir das Bedrohliche der Natur. Die Gebirgswelt begehen wir mit funktionaler Bekleidung, bis die Rega uns holt. Wir sind auf Distanz zur Natur, wir schauen von aussen auf sie. Wir wollen sie im Griff haben. Corona hatten wir nur beschränkt im Griff. Doch auch Viren sind Natur, wie Amöben, die Würfelqualle oder das Altern unseres Körpers.

Die meisten interessieren sich mehr für Katzen als für Insekten. Deren Rückgang aber bedroht das auf dieser Welt wichtige Gleichgewicht. Was uns an der Natur nicht passt, beseitigen wir oder versuchen, es technisch zu beherrschen. Natur soll sein, wie wir sie uns wünschen. Der Bund wusste einmal zu berichten: «Im Dezember wurde eine Pflegerin von einem Krokodil in die Hand gebissen, doch sie überlebte. Das Krokodil wurde erschossen.» Das war für die Pflegerin eine glückliche Wendung, für das Krokodil weniger. Wie Tiere sich zu benehmen haben, bestimmen wir Menschen. Auch den Taifun würden wir mässigen, wenn wir könnten. Dazu passt, wie wählerisch wir sind: Wir schützen den «prachtvollen» Tiger, doch die «hässliche», bedrohte Spinnenart interessiert uns nicht. Eine Mutter sagte: «Ich reise mit den Kindern auf die Galapagos-Inseln, solange ich sie ihnen noch zeigen kann.» Wir besuchen das urtümlich Schöne. Wir erleben es als wertvoll und gefährden es. Für uns Menschen ist die Natur wunderbar, wenn sie uns nützt. Wir wollen die Natur beherrschen, um sicher zu leben. Doch es ist längstens Zeit, uns zu hinterfragen, mit welchen Mitteln und in welchem Ausmass wir dies dürfen, um nicht uns selbst und anderen zu schaden. Das Hinterfragen beginnt bei mir selbst. Wie beeinflusst mein Verhalten die Natur: meine Einkäufe, meine Mobilität, meine Lichtverschmutzung, meine Abfälle, meine Kleidung? Darf ich alles, was ich wünsche und was mir möglich ist? Erste Priorität kann bedeuten, vor dem Handeln den Nutzen für die und den Schaden an der Natur vor Augen zu haben, und nicht zuerst mein Ego zu befriedigen. Ich kann freudvoll leben und mich schützen, ohne die Natur nachhaltig zu gefährden.  

Diese Kolumne wurde erstmals veröffentlicht im Anzeiger Region Bern, 26.06.24

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In der Nacht sind alle Katzen grau

Worte erhalten, das wissen wir, erst durch ihren Zusammenhang und durch die Interpretation jedes und jeder Einzelnen ihre Bedeutung. Im Alltag auf den sorgfältigen Gebrauch von Worten zu achten, ist wichtig, gerade auch, wenn diese eine starke geschichtliche oder kulturelle Bedeutung haben. Eine bestimmte Wortwahl hilft Vertrauen aufzubauen — oder sie kann gezielt verletzen.

Worte haben ihre Tücken, nicht selten sind sie zwiespältig. Derselbe Begriff kann freundlich oder abwerten sein, je nach dem. Wenn jemand eine Geschichte farbig ausschmückt, kann das freuen, wenn einer seine Erfolge in allen Farben schildert, werde ich misstrauisch. Ein farbiger Beutel als Verpackung hilft uns, eine Ware leicht zu erkennen, ein Farbbeutel erinnert viele an Schmierereien, manch ein Hausbesitzer kann ein Lied davon singen. Bisweilen ist es politisch unkorrekt, von Farbigen zu sprechen. Obwohl doch nur die Hautfarbe unterschieden werden soll, ist es ein Wort, das sich durch die Geschichte aufgeladen und vieldeutig geworden ist. Das ist bei den einzelnen Farben nicht anderes. Ich habe blaue Augen oder ich bin mit einem blauen Auge davongekommen, ist dann schon ein wesentlicher Unterschied. Wenn ich blau bin, ist es gut möglich, dass ich Rot sehe, und die Grüne ist eine Politikerin und Die Grüne eine landwirtschaftliche Zeitschrift. Ein Brauner kann ein Rechtsextremer oder ein Pferd sein. Mit den Schwarzen wurden früher Katholiken und werden heute noch Menschen mit dunkler Hautfarbe bezeichnet, je nach Gesinnung ist dies ein neutraler Begriff oder ein negatives Urteil. Leute, die schwarz malen, schätzen wir nicht besonders, andere haben so teure Kunstwerke geschaffen.

Farben bieten Grund zu allerlei Missverständnissen. Menschen mit einer Farbschwäche sehen Tannen oder Kaffeekapseln anders als die Anderen. Doch wer sieht die Farbe nun richtig, wenn die Farbrezeptoren im Auge jedes Menschen unterschiedlich reagieren und unser Farbempfinden mit unseren Emotionen schwankt? Was ist Rot? Zu den Diskussionen über eine originalgetreue Abbildung wissen Drucker Anekdoten zu erzählen, weil jeder Mensch die Farben unterschiedlich interpretiert, und die Lichtquelle wesentlich für die Farbwiedergabe und -erkennung ist.

Solche alltäglichen Beobachtungen sind mir beispielhafte Warnungen, meine eigene Meinung und Wahrnehmung nicht als absolut zu betrachten, meine Worte abzuwägen und darauf zu achten, wie andere die «Farben» dieser Welt wahrnehmen. In der Nacht der absoluten Meinungen sind alle Katzen grau. Wir müssen die Dinge von verschiedenen Seiten beleuchten, die graue Katze wird dann mehrfarbig getigert. So sind auch die politischen Parteien und Aktivisten gut beraten, ihre Farbe nicht als die einzig richtige durchsetzen zu wollen. Monochrome Malerei kann bereichernd sein, in der Demokratie ist sie es nicht. Die Bilder einer Demokratie müssen mehrfarbig gemalt werden.

 

Diese Kolumne ist erstmals erschienen in Anzeiger Region Bern, 28.05.24

 

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Die Ausgebeuteten nebenan

Es ist eine Welt, die die weitaus meisten von uns nur vom Hören-Sagen kennen, wenn überhaupt. Doch es ist eine Welt gleich um die Ecke, eine mitten unter uns: die Welt der gehandelten und versklavten Menschen. Die UNO rechnet weltweit mit über 40 Mio. Menschen, die als moderne Sklaven gehalten werden. Fast 5 Mio. werden sexuell ausgebeutet, davon über 90% Frauen. Der Menschenhandel ist ein illegales Milliardengeschäft, eines der grössten weltweit, vergleichbar mit dem Drogenhandel. Die Sklaven finden sich in der Fischerei, auf Grossbaustellen, im Sexgewerbe, in Nagelstudios und in Haushalten, um nur einige zu nennen.

Auch in der Schweiz leben gehandelte Menschen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen: in Nagelstudios, in Haushalten, im Sexgewerbe. Die UNO rechnet mit 11’000 Menschen. Naturgemäss ist diese Zahl statistisch vage. Könnte sie genau berechnet werden, wüsste man von allen Fällen und könnte entsprechend handeln. Doch der Menschenhandel und die moderne Sklaverei liegen verborgen, leben vom Schweigen, vom Verschieben der Menschen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Gehandelte und versklavte Menschen sind vielseitig bedroht. Meist aus ärmsten Verhältnissen stammend, werden sie durch kriminelle Angebote in ein verheissungsvolles Leben gelockt, müssen sich verschulden, werden an Leib und Leben bedroht, wissen, dass wenn sie auffliegen, die Menschenhändler ihnen auf der Spur bleiben. Meist kennen sie ihre Rechte nicht und haben kein Vertrauen, sich bei der Polizei zu melden, sei es aus Furcht vor weiteren Repressalien der Täter gegenüber ihnen oder gegenüber den Familien zu Hause oder auch aus Furcht vor Abschiebung.

Menschenhandel und Ausbeutung werden von der Organisierten Kriminalität beherrscht und von tausenden Bürgerinnen und Bürgern genutzt. Es ist eine Welt, von der und in der sehr viele viel verdienen oder sich persönliche Vorteile herausnehmen. Wer (zu) billige Dienstleistungen in einem Nagelstudio in Anspruch nimmt, nimmt auch die Ausbeutung von Menschen in Kauf, wie ‹Der Bund› kürzlich eindrücklich dargestellt hat. Freier können erkennen, unter welchen Bedingungen Prostituierte arbeiten müssen, sie haben eine direkte Verantwortung für ihr Tun und die Folgen für die Ausgebeuteten.

Die Schweizer Behörden und die Polizei kennen die Problematik und es wird einiges Getan, um den Opfern zu helfen und die Ausbeutung zu verhindern. Doch fällt bei der Lektüre vieler Artikel über den Menschenhandel auf (an Artikeln und Berichten fehlt es wahrlich nicht), dass mehr Zusammenarbeit zwischen den Kantonen und ein verbesserter Opferschutz gefordert wird. Das darf aber nicht als Entschuldigung gelten, selbst nichts zu tun, denn die Versklavten leben auch hier in Bern unter uns, verdeckt zwar, aber schlussendlich erkennbar. Zumindest von denen, die die Dienste der Ausgebeuteten in Anspruch nehmen.

 

Dieser Text ist erstmals im Anzeiger Region Bern am 2. Mai 2024 erschienen.

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Kultur geht uns alle an

Gemessen an der Bedeutung, die die Kultur für die Gesellschaft hat, wird sie politisch stiefmütterlich behandelt. Nicht, dass der Staat wenig Geld für Kultur ausgeben würde, doch wird sie eher als Muss denn als Wunsch unterstützt. Das ist Ausdruck einer Politik, die das Paradigma des gesamtheitlichen Denkens nicht wirklich verstanden hat. Leider gilt das auch oft in der Wirtschaft.

Kulturelles Leben, die Künste, sind ein Gradmesser, wie eine Gesellschaft zusammenlebt, wie sie denkt, wie frei sie ist und wie sie sich organisiert. Kulturelles Schaffen findet immer statt, selbst unter den widerlichsten Umständen. Das Ausmass dieses Schaffens und wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird, hängt von der politischen Situation sowie der Ausbildung und der Befindlichkeit der Bevölkerung ab. Eine liberale Gesellschaft, wie wir sie in der Schweiz kennen, lässt Kulturschaffende frei arbeiten und sorgt für einen institutionellen Rahmen, der die Darstellung von Kultur ermöglicht. Subventionen an Museen, Theater, Orchester, die Freie Szene und an unzählige einzelne Projekte sind Garanten dafür, dass nicht wenige Mächtige mit ihrem Portemonnaie weitgehend bestimmen können, was wir zu sehen bekommen. Eine liberale Gesellschaft tut gut daran, die Kulturschaffenden in gesellschaftliche Prozesse einzubeziehen. Ihre Art der Kreativität und indem sie an Aufgaben anders als üblich herangehen, würde manches Infrastrukturprojekt, die Gestaltung des öffentlichen Raums oder auch die Suche nach gesellschaftlichen Lösungen bereichern.

Kultur ist nicht nur das Wirken der Kultur- und Kunstschaffenden, sondern die Art und Weise, wie wir alle miteinander umgehen, wie wir füreinander einstehen, streiten und Lösungen für mehr Wohlstand und Wohlbefinden finden — Kultur ist also das Abbild einer Gesellschaft. Das gilt auch für die Wirtschaft. Unternehmenskultur ist mehr als nur vage Schlagworte in einem veröffentlichten Leitbild. Unternehmenskultur muss gestaltet werden. Sie entscheidet über die Wahrnehmung des Unternehmens in der Öffentlichkeit, die Zusammenarbeit im Unternehmen und mit Kunden und Partnern sowie über das Wohlbefinden der Mitarbeitenden. Dabei ist Wohlbefinden kein schöngeistiges Wunschkonzert, sondern prägend für die Entfaltung von Kreativität, für langfristiges Engagement, für die Bereitschaft zu Eigenverantwortung und für Gesundheit. Wohlbefinden entsteht, wenn Mitarbeitende als Menschen geachtet werden: in den Unternehmen, in den Familien, in der Nachbarschaft, in den öffentlichen Diskussionen und im politischen Handeln.

Zu einer langfristig wertvollen Kultur, einer Kultur, die bewusst und achtsam gestaltet wird, gehören stets die Fragen nach dem Wie und den langfristigen Folgen. Das ist eine Verantwortung, die wir als Bürgerinnen und Bürger alle tragen.

Als Kolumne erschienen im Anzeiger Region Bern, 7. März 2024

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Zufall der Geburt

Ich wurde in Bern als Schweizer geboren und bin in einer intakten Familie aufgewachsen. Das tönt banal, ich weiss. Und doch ist dieser Zufall, wo und in welche Familie ich geboren wurde, entscheidend. Ich musste in meinem Leben nie hungern, hatte immer frisches Wasser, genoss eine weitreichende Ausbildung, habe im weltweiten Vergleich viel Geld und ausgesprochen viele Freiheiten. Ich erlebe keine Gewalt, kann mich ohne Angst politisch engagieren und auf ein starkes soziales Netz zählen. Wäre ich in San Antonio de los Cobres, Argentinien, oder in Aleppo, Syrien, aufgewachsen, sähe mein Leben völlig anders aus, selbst wenn ich genetisch genau derselbe Peter wäre, der ich bin. Dass ich in einer christlich geprägten Kultur aufgewachsen bin, habe ich nicht gewählt; so wenig wie alle Menschen ihren Kulturkreis, ihre Hautfarbe, ihre Nationalität, ihr Geschlecht und ihre sexuelle Orientierung wählen konnten.

Und deshalb ist jede Form von Diskriminierung «anderer» von einer unbeschreiblichen, verletzenden Einfalt. Wenn heute Muslime für das grauenhafte Massaker der Hamas mitverantwortlich gemacht werden, nur weil sie Muslime sind, oder wenn Jüdinnen wegen den katastrophalen Verhältnissen im Gazastreifen gehasst werden, nur weil sie Jüdinnen sind, dann ist dies eine gesuchte Bösartigkeit. Rassismus und Antisemitismus missachten bewusst die Würde des und der Einzelnen, in dem man ihnen ihre Identität abspricht; sie werden als gesichts- und namenlose Vertreter einer Gruppe behandelt, in die sie durch Zufall hineingeboren wurden. Diese Diskriminierung zu Ende gedacht, meint Primo Levi treffend, führt zum Lager, wo jede und jeder nur noch eine Nummer und kein Mensch mehr ist. Die Missachtung beginnt bei angeblich humoristischen Sprüchen oder «ungewollt» verletzenden Nebenbemerkungen. Sie geht weiter zu absichtlicher Ausgrenzung und zu Anwendung von Gewalt. Die, die diskriminieren, ausgrenzen und hassen, versuchen sich zu überhöhen, weil sie sich sonst als ungenügend empfinden. Die Anderen müssen wertlos sein, um sich selbst als wertvoll zu empfinden. Die Diskriminierenden schaden sich damit selbst.

Die Würde jedes Menschen muss geschützt werden, weil er Mensch ist. Es braucht keine weitere Begründung. Dabei muss ich nicht mit allen und allem einverstanden sein. Bestimmtes politisches Handeln, das Leben einer strengen Gläubigkeit und manches mehr können mich befremden. Befremden ist jedoch nie ein Grund, die Anderen zu entwürdigen. Als Bürgerinnen und Bürger oder vielmehr als Mitmenschen ist es unsere Pflicht, für die einzustehen, die beschimpft, gehasst, angegriffen und ausgegrenzt werden, nur weil sie durch den Zufall der Geburt so sind, wie sie sind. Jeder Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, überhaupt jede Art von Diskriminierung gefährdet den Frieden in der Gesellschaft, auf den wir unverzichtbar angewiesen sind. Tragen wir Sorge zu uns.

Diese Kolumne ist erstmals erschienen im Anzeiger von Bern, 3. April 2024

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Die 13. Augenwischerei

Ich komme diesen Sommer ins Rentenalter. Sollte die Initiative für eine 13. AHV-Rente angenommen werden, nehme ich die zusätzlichen 2450 Franken gerne. Ich bin allerdings in der glücklichen finanziellen Lage, dass ich dieses Geld eigentlich gar nicht benötige. 56 Prozent der Pensionierten geht es gemäss einer Studie des Bundes wie mir. Sie geben an, mit ihrer finanziellen Lage sehr zufrieden zu sein. Das geht nicht allen so. Drei Prozent der Pensionierten beziehen Ergänzungsleistungen, um über die Runden zu kommen. Weitere haben gerade so viel Einkommen, dass sie knapp keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben. Diese Zahlen zeigen: Von genereller Altersarmut kann keine Rede sein. Trotzdem, den Menschen, die mit ihrer Rente kaum durchs Jahr kommen, muss mit zusätzlichen Geldern geholfen werden. Zu ihnen gehöre ich und mehr als die Hälfte der Pensionierten nicht. Und doch würden wir alle die 13. Rente erhalten, obwohl wir sie nicht benötigen. Und obwohl die Einkommensschwächsten mehr benötigen würden. Das finde ich nicht sonderlich sozial, umso mehr, als die Initiative weitere Ungleichheit bringt. Ich würde eine unnötige zusätzliche Maximalrente von 2450 Franken erhalten, die Einkommensschwachen eine Minimalrente von 1225. Ich erhielte also doppelt so viel, obwohl ich das Geld nicht benötige. Einige derer, die Ergänzungsleistungen erhalten, würden dazu noch bestraft werden. Es sind die, die «dank» der 13. Rente knapp so viel mehr Einkommen haben, dass sie gerade keine Ergänzungsleistungen mehr erhalten werden, dafür aber die 13. Rente versteuern müssen; Ergänzungsleistungen sind im Gegensatz zur AHV steuerfrei.

Die 13. Rente wird uns fünf Milliarden (5000 Millionen) pro Jahr kosten. Davon gehen ungefähr zwei Drittel an Pensionierte, die die Rente nicht benötigen. Der kleinste Teil geht an die, für die das zusätzliche Geld wichtig ist, und die eigentlich noch mehr benötigen würden. Wer finanziert die fünf Milliarden Franken? Angedacht ist eine Erhöhung der Mehrwertsteuer oder der Lohnabzüge. Das wird wiederum die Einkommensschwächsten besonders treffen, denn ein oder zwei Prozent weniger Lohn oder höhere Kosten ist für sie und den Mittelstand deutlich schmerzhafter als für die Einkommensstarken. Bezahlen für die zusätzliche Rente werden vor allem die Jungen, die erst noch knapper bei Kasse sind als die Pensionierten.

Sozial gerecht, wie dies die Initianten behaupten, ist diese Initiative also in keiner Weise. Im Gegenteil kostet sie Unsummen dort, wo keine Hilfe nötig ist. Sie verhindert dort, wo mehr Hilfe zwingend ist, diese im nötigen Ausmass leisten zu können. Richtig wäre, die Ergänzungsleistungen deutlich zu erhöhen, also zusätzliche Gelder gezielt denen zu geben, die darauf angewiesen sind. Ein Nein zur 13. Rente verhindert, riesige Geldsummen sinnlos auszugeben. Ein Nein ermöglicht, neue Lösungen zu finden, um denen zu helfen, denen geholfen werden muss.

Diese Kolumne erschien erstmals im Anzeiger Region Bern, 7. Februar 2024

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Familie und Beruf

Unternehmen sollen die Lebens­balance ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen. Doch nicht jede Maximalforderung kann erfüllt werden.

 

Eine gute Work-Life-Balance ist eine häufig gestellte Forderung. Der Begriff bedeutet, dass Arbeit und Leben ausgeglichen sein müssen, und dass es neben der Arbeit ein Leben gibt, das erst beginnt, wenn die Arbeit zu Ende ist. Doch Arbeit und Leben sind nicht zwei unterschiedliche Teile, sondern Arbeit ist Teil des Lebens. Lebens­balance und nicht Work-Life-Balance meint, das ganze Leben ausgewogen zu gestalten. 

Die Eckpunkte der Lebensbalance sind Lebenssinn, körperliches Wohlbefinden, soziale Integration und Leistung, zu der die Arbeit zählt. Arbeit ist also Teil des Lebens. Sie steht nicht
ausserhalb als losgelöster Teil. Gespräche mit Arbeitslosen zeigen, wie wichtig eine Arbeit nicht nur für das Einkommen, sondern auch für die soziale Integration und Zufriedenheit ist. Arbeit ist wesentlich, um uns den Lebensstil, den Status und die Anerkennung zu ermöglichen, die wir uns wünschen. 

Die Eckpunkte der Lebensbalance beeinflussen sich gegenseitig. Beziehungsprobleme werden von zu Hause an den Arbeitsplatz getragen und wirken sich dort auf die Zusammenarbeit aus, zum Beispiel durch Gereiztheit, durch Unaufmerksamkeit oder durch einen stillen Rückzug. Umgekehrt gilt: Wer belastende berufliche Sorgen hat, wird sie ins private Leben tragen und damit die Stimmung in der Familie mitprägen. So betrachtet, hört Arbeit am Feierabend und privates Leben bei Arbeitsbeginn nicht auf. Die Lebens­balance wird also durch mein ganzes Umfeld, meine Identität und meine Arbeit geprägt. 

Mit der Lebensbalance ist es wie mit der Freiheit: Sie geht immer nur so weit wie diejenige der Anderen. Die meine geht so weit wie die meiner Frau und die der Menschen an meinem Arbeitsplatz. Wenn ich genau das mache, was mir selbst passt, passt das höchstwahrscheinlich anderen nicht. Lebe ich die für mich ideale Lebensbalance, verhindere ich die ideale Balance der Mitglieder meines Arbeitsteams. Wir müssen unsere Balance zusammen mit den Menschen suchen, die zu unserer Lebenswelt gehören, und das bedeutet,
Konsequenzen in Kauf zu nehmen, die unangenehm sein können. Wir müssen uns einschränken, ohne uns aufzugeben; das ist gerade für junge Familien eine Gratwanderung. 

Unternehmen können die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit eine gesunde Lebensbalance der Familie unterstützen. Sitzungen in Randstunden können für Eltern belastend werden und Eltern kranker Kinder benötigen Zeit, um eine Betreuung zumindest zu
organisieren. Das Arbeitsumfeld kann in solchen Fällen Verständnis und Flexibilität zeigen, ein Geben und Nehmen, das für alle gewinnbringend ist. Doch die Unternehmen haben ebenfalls ihre Lebensbalance, die sie halten müssen. Nicht jedes Entgegenkommen, nicht jede Flexibilität und nicht jeder Teilzeitgrad sind möglich. Die Unternehmen wie die Mitarbeitenden müssen sich der negativen Konsequenzen, die Maximalforderungen mit sich bringen, bewusst sein. Gegenseitiges Verständnis und Kompromisse sind zwingend für eine gesunde Lebensbalance aller.

Dieser Text ist am 10. Januar 2024 als Kolumne im Anzeiger Region Bern erschienen.

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Datenverantwortung

«Wer Angst hat, will mehr Sicherheit, und dafür soll der Staat sorgen. Und die Angst nährt sich aus dem Unbekannten, Neuen, Bedrohlichen, das viele nicht deuten können.» René Rhinow

René Rhinow («Die Zeit», 29.10.2009)

Manchmal denke ich, Daten sind wie Radioaktivität. Sie sind selbst nicht sichtbar, nur indirekt über ihre Auswirkungen auf den Bildschirmen und indem sie Maschinen steuern oder Menschen kontrollieren. Daten sind überall. Sie nützen uns und gefährden uns. Indem wir durch den Alltag gehen, produzieren und versenden wir Daten, hinterlassen Datenspuren und Datenmengen, von deren Grossteil wir nicht wissen, wo sie lagern. Aber sie sind da und werden genutzt. Gesetze versuchen, uns vor Missbrauch zu schützen. Die meisten Menschen kümmern sich selbst jedoch kaum darum, welche Daten sie erzeugen und weitergeben. Sorglosigkeit schlägt Sorgfalt: Handy, E-Shops, Google und soziale Medien lassen grüssen. Doch läuft etwas schief, gehen Daten «verloren» oder werden sie missbraucht, ist die Klage gross, und der Ruf nach noch mehr staatlichem Schutz erklingt. Gesetze schützen uns und unsere Freiheit jedoch auf Dauer nicht, wenn wir uns nicht selbst darum kümmern und uns vor uns selbst bewahren.

In der Schweiz rührt die Sorglosigkeit vielleicht auch daher, dass wir uns vor der Regierung nicht fürchten. Heute können wir sicher sein, nicht aufgrund unserer Daten denunziert zu werden. Dafür gilt es, Sorge zu tragen, demokratisch legitimierte Freiheit und Sicherheit ist kein Selbstläufer. Und es lohnt sich, sich selbstverantwortlich zu fragen, ob denn so viele persönliche Daten, Bilder, Texte und allerlei Angaben gespeichert werden müssen und wie sehr wir mit deren Abspeichern unsere Freiheit einschränken. Brauchen wir das alles? Ist es gut, dass die Daten «irgendwo» in einer Cloud liegen? Es lohnt sich zudem der ökologische Gedanke. Tamedia hat ermittelt, dass das Speichern von 1000 Bildern in einer Cloud während eines Jahres gleich viel CO2 erzeugt wie ein Kurzstreckenflug. Die saubersten und am besten geschützten Daten sind die, die gar nicht erst abgespeichert werden.

In unserem Unternehmen können wir ohne digitale Daten nicht arbeiten – und wir dürfen nicht sorglos sein. Die Bedrohung durch Hacker ist gross, wir versuchen uns nach den neuesten Kenntnissen zu schützen. 90 Terabyte Daten lagern auf unseren Servern. Das entspricht 585 Millionen A4-Seiten im Word-Format; genug, um eine Fläche von über 5000 Fussballfeldern zu bedecken. Diese Daten gehören zum ganz grossen Teil unseren Kundinnen und Kunden. Für ihre Sicherheit übernehmen wir die Verantwortung – zu ihrem Schutz und zu unserem eigenen. Wir sind zu Sorgfalt verpflichtet, nicht nur bei den vielen Daten.

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